D I E   P O K E R F A L L E

Home :: Rezensionen :: Zitate :: Anmerkungen



impressum  
 
 
 
 

Leseprobe   

Leseprobe:

Ariane konnte Horaces besserwissendes Grinsen geradezu vor sich sehen. Sie erinnerte sich an seinen ewig wiederkehrenden Standardvortrag, Poker sei nichts anderes als ein legales Pyramidenspiel. Eine Industrie, die die moderne Analogie des amerikanischen Traumes vom Tellerwäscher zum Millionär dahingehend pervertiert hatte, dass Hunderttausende nicht nur ihr Geld sondern auch ihre gesamte Zeit an den Spieltischen und im Internet vergeudeten und dabei das Gefühl hatten, etwas Sinnvolles zu tun. Denn dass es für jeden Gewinner eine entsprechende Anzahl von Verlierern geben musste lag ja auf der Hand. Aber durch den Trick, Poker nicht als Glückspiel, sondern als intellektuelle Herausforderung zu deklarieren, als Wettbewerb der Geister, lag es ja an den Spielern, zu welcher Gruppe sie gehörten. Diese scheinbare Beeinflussbarkeit, diese Möglichkeit, es selbst in der Hand zu haben, es selbst steuern zu können, war die motivierende Kraft analog zu allen Pyramidenspielen. Und die Möglichkeit, tagtäglich im Fernsehen die Spitze der Pyramide im glänzenden Licht zu präsentieren, die mit Hunderttausenden von Dollars um sich warf, erzeugte einen Werbeeffekt, wie ihn keine Religion in diesen Tagen erreichen konnte. Dass die Profis, die hier im Fernsehen erschienen, gemachte Stars waren, Nobodys, die einmal Glück gehabt hatten und aus dem Nichts auftauchten, und dann von der Industrie hinter dem Spiel entsprechend vermarktete Größen wurden, war dem Zuseher so einfach nicht bewusst. Stattdessen sah er nur die Möglichkeit eines Chris Moneymakers vor sich. Ein Einzelschicksal unter Millionen von Glücksspielern, ähnlich selten wie ein Lottohauptgewinn, der es geschafft hatte, vom Online Qualifikant in den Poker Olymp aufzusteigen. Aber nicht nur, dass die Stars in der Pokerwelt beliebig austauschbar waren, das Fernsehen genoss die Freiheit, nur die helle Seite des Pokers, nur den Erfolg der Spieler zu beleuchten. Wenn einzelne Spieler ihre finanziellen Möglichkeiten ausreizten und vom Olymp wieder auf die Erde fielen, und dabei Krater von ungeahnten Ausmaßen erzeugten, dann war keine laufende Kamera da, die das Schicksal des Bedauernswerten irgendwie der Öffentlichkeit präsentierte. Niemand kümmerte sich um die Verlierer, weil sie es ja schließlich selbst verschuldet hatten. Und schon gar niemand war interessiert an den Millionen von Spielern, die um ihren Traum zu verwirklichen das ganze Kapital, welches in den Weltmeisterschaften ausgespielt wurde, an die vielen kleinen Tische in den Casinos und im Internet trugen, ohne auch nur mehr als die kleine gelegentliche Erfolgsspritze eines siegreichen Abends oder einer guten Plazierung in einem unbedeutenden Turnier zu erreichen. Stattdessen wurde auch hier wieder propagiert, dass die die verloren es selbst in der Hand hätten. Das sie nur besser spielen sollten, und man gab ihnen die Möglichkeit das Spiel zu verbessern in Form von kostenlosen Internetportalen und Trainingsvideos freizügig und unterstützend in die Hand. Zusätzlich gab es natürlich auch hier noch einen Markt mit bezahlten Coaches und Trainingsmöglichkeiten, sowie die ebenso endlose Liste von Pokerlektüre, die dazu verhelfen konnte, das eigene Spiel entsprechend zu verbessern. Preiswerte Hilfe um vom Verlierer zum Gewinner zu werden und dabei natürlich so nebenbei auch noch das Pyramidenspiel weiter mitzusponsern. Warum schrieben denn diese ganzen Stars immer Bücher, beziehungsweise veröffentlichten Bücher, wenn sie doch an einem Abend mehr verdienten, als es ein normaler Amerikaner in einem ganzen Jahr tat?


 

 
   © 2009 by Robert Herzig •